Irren ist wissenschaftlich

Irren ist menschlich und notwendig auf dem Weg besserer Erkenntnisse. Als Pastor werden mir zuweilen Irrtümer in der Kirchengeschichte vorgehalten als Hinweise, dass Theologie eben keine Wissenschaft sei. Das stimmt zum Glück nicht.

Auch für die Theologiegeschichte gilt der Satz von Harald Lesch, dass sich die Wissenschaft empor irrt. Denn natürlich dachten und redeten Theologen (von den Theologinnen ist da weniger überliefert 😉 im Laufe der vielen Jahrtausende immer nur auf dem derzeitigen Stand der Erkenntnis. Sie irrten – und – schafften dabei Wissen. Und sie kamen auch als TheologInnen zu neuen Einsichten und einem tieferen Verständnis von Gott und der Welt. Es ist kein Mangel, dass wir heute anders von Gott reden als vor 100, 500 oder 2500 Jahren. Die Erkenntnisse, dass Gott kein Mann, Wunder nicht die Naturgesetze aushebeln und Homosexualität keine Sünde ist … sind Ergebnis theologischer Arbeit.

Die große Bibliothek Bibel dokumentiert diesen Prozess und beschreibt Gott selbst als eine lerndende Instanz. So zum Beispiel in der Erzählung von der Sintflut. Am Ende sagt Gott: „Nie wieder will ich die Erde wegen der Menschen verfluchen .“ [1 Mose 8, 21] Wenn also selbst Gott Irrtümer eingestehen kann, brauche ich mich als Theologe dafür nicht zu schämen.

Irrtümer sprechen nicht gegen den Glauben, sondern für die Notwendigkeit zu lernen.
Sie gehören zur Theologie so selbstverständlich wie zur Naturwissenschaft.

Irrtümer der Naturwissenschaften

Der Dichter und Universalgelehrten Johann Wolfgang von Goethe schreibt im Faust, dass weißes Licht keine Farben enthält. Durch Isaac Newton wissen wir aber, dass es aus allen Farben zusammengesetzt ist. Ein Blick in einen Regenbogen macht es anschaulich.

Im 17. Jahrhundert war wissenschaftlich anerkannt, dass sich Licht ausbreitet wie Wellen im Wasser oder wie Schall in der Luft und also auch ein Medium bräuchte – den Äther. Er wurde als Stoff gerdacht von unglaublich geringer Dichte, der den ganzen Raum um uns herum ausfüllt. Noch in einem Schulbuch für Physik von 1914 hieß es: „Heinrich Hertz (1857-1894) entdeckte 1888, dass jede oszillierende Entladung den ganzen umgebenden Ätherraum in elektromagnetische Schwingungen versetzt (ähnlich wie eine Stimmgabel die umgebende Luft).“ Erst mit Einsteins spezieller Relativitätstheorie wurde die Idee eines Äthers aufgegeben.

Leonardo da Vinci hat schon zwischen 1487–1490 einen Hubschrauber skizziert und Otto Lilienthal hat 1891 erfolgreiche Gleitflüge durchgeführt. Dennoch war noch 1895 der Physiker und Präsident der Royal Society William Thomson Kelvin überzeugt: „Es ist unmöglich, Flugmaschinen zu bauen, die schwerer sind als Luft.“ Heute wissen wir, er irrte.

Albert Einstein hielt noch 1917 an der Überzeugung fest, dass das Universum sich weder ausdehnt noch zusammenzieht. Und das, obwohl schon Newton in einem Brief vom 25. Februar 1693 feststellte, dass die Gravitation kein statisches Universum zulässt. [ » ]. Aber auch Newton konnte nicht akzeptieren, dass das Universum sich verändert. Erst im Jahr 1927 kam der belgische Priester Georges Lemaître zu der These von der „Expansion des Weltalls“. Inzwischen gilt es als ganz selbstverständlich, dass der Weltraum unendlich ist und sich dennoch ausbreitet. Physiker akzeptieren, dass manche Einsicht unser Vorstellungsvermögen überschreitet und trotzdem wahr sein kann.

1929 erfand der Zeichner Elzie Segar die Comicfigur Popeye, dessen besondere Kraft im Verzehr von Spinat liegt. Es wird behauptet, dass dieser Comic den Spinatkonsum in den USA um ein Drittel gesteigert hat. Tatsächlich ist im kollektiven Bewußtsein der Satz tief verankert, dass Spinat besonders gesund ist, weil er viel Eisen enthalte. Und auch die unbelegte Erklärung, dass ein Lebensmittelanalytiker bei der Untersuchung von Spinat das Komma falsch gesetzt hat, ändert daran bis heute wenig. Man erzählt halt beides.

Zum Lernen gehören Irrtümer

Irrtümer wirken immer etwas peinlich – vor allem im Nachhinein, wenn man es besser weiß. Es zeichnet uns als Menschen aus, dass wir lernen können. Ein Zeichen von Klugheit ist, auch eigene Irrtümer zu erkennen. Und ein Kennzeichen von wissenschaftlichem Arbeiten in den Naturwissenschaften und der Theologie ist es, Erkenntnisse immer wieder zu überprüfen. Wir müssen Standpunkte beziehen, aber auch wieder verlassen können. Wir denken und reden anders von Gott als vorangegangene Generationen. Das beschreibt keinen Mangel, sondern ist ein Qualitätsmerkmal.

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