Canon R7: Erfahrungen und Anwendungen

Wie ist sie denn nun wirklich. Nach einiger Beschäftigung mit den Menüs und Einstellungen und vor allem mit Foto- und Filmaufnahmen habe ich mich gefragt: Erfüllt die R7 die Versprechen für mich und meine Anwendungen?

Das ist natürlich eine persönliche Beurteilung. Und die hängt wesentlich davon ab, wofür ich die Kamera nutzen will.

Video

Ich bauche die Kamera insbesondere zum Filmen und dabei für typische Anlässe.

Zum Vloggen.
Ich brauche eine leichte Kamera mit Bildstabilisator, Schwenk-Display und schnellem Augenautofokus.
Das kann schon die Canon M50 Mark II – jedenfalls mit dem richtigen Objektiv.
Hier punktet die R7 durch den zusätzlichen internen Bildstabilisator, aber sie ist etwas schwerer als die M50.

Oft filme ich im Gottesdienst. Das ist vergleichbar einer Event-Situation bzw. privaten Feier. Die Lichtverhältnisse sind diffus und kaum zu beeinflussen. Und vor allem, alles passiert nur einmal und nicht für die Kamera. Ich kann keine Szene wiederholen und die Kamera soll immer dezent im Hintergrund bleiben.

Manchmal will ich im Gottesdienst einfach eine (oder zwei) Kameras mitlaufen lassen.
Das heißt (je) ein fester Kamerastandpunkt, eine Brennweite, eine Einstellung für Blende, Belichtung, Iso und Weißabgleich und kein Autofokus. Denn der Autofokus bei einem Event kann leicht von einem Nebenmotiv abgelengt werden und dann hin- und herspringen (pumpen). Diese Anwendung kann aber (fast) jede Kamera und mir reicht dafür die viel preiswertere M50.
Immerhin kann die R7 auch länger als 30 Min. mitlaufen und auf Karte aufnehmen. Das kann ich bei der M50 mit einem Videomischer und HDMI-Kabel umgehen. Steht der aber nicht zur Verfügung und ich muss lange auf Karte aufzeichen, wird die R7 zum Gamechanger.

Im Gottesdienst setze ich, soweit möglich, eine zweite Kamera für einzelne Situationen ein, zu denen ich schwenken muss und eine Nah-Perspektive einnehmen möchte.
Das heißt ein Kamerastandpunkt mit Schwenkkopf, ein Zoombereich von 35 – 200 mm, gerne Bokeh und ein schneller Autofokus, der auf meinen Schwenk selbstständig reagiert.
Die drei individuellen C-Voreinstellungen der R7 und in jedem Modus die Unterscheidung zwischen Foto und Video entlasten mich und vermeiden Fehlerquellen. Ich kann mit sicheren Voreinstellungen arbeiten.
Schon die M50 bringt einen guten Augenautofokus mit, die R7 ist da noch sicherer und schneller. Für den abzudeckenden Brennweitenbereich hilft mir der Wechsel zwischen 4K und 4K crop*. Die M50 kann 4K generell nur in 25 fps und nur mit zusätzlichem Crop. Die R7 kann beide Auflösungen in 60fps aufnehmen und hat damit die Reseve, um bei der Nachbearbeitung Slow Motion Sequenzen zu erzeugen. Ein wichtiger Pluspunkt!

Zwar hat schon die M50 Clean HDMI – was leider nicht selbstverständlich ist – im Menü muss aber immer zwischen HDMI-Ausgabe oder Kartenaufnahme umgeschaltet werden. Bei der R7 ist das automatisch implementiert.

Mit dem Adapter kann ich meine Objektive mit EF-Mount nutzen:
[Zum Beispiel ein Filter Mount Adapter EF auf EOS R mit variablem Drop-in-ND-Filter wie der Meike MK-EFTR-C für 170 €]

Mit dem Sigma 18-35 mm F1.8 DC HSM Art  kann ich (bezogen auf das Kleinbild-Vollformat x1,6 *) die Brennweiten 29- 56 abdecken - mit einer sehr offenen Blende und schönem Bokeh trotz Weitwinkel. [760 €]
Alternativ dazu das Sigma 17-50 mm F2.8 (bezogen auf das Kleinbild-Vollformat x1,6) die Brennweiten 27 - 80 bzw. 4K-crop (nochmal x 1,6)   43 - 128 mm. 
Mit dem Sigma 24-70 mm F2.8 DG HSM kann ich (bezogen auf das Kleinbild-Vollformat x1,6) die Brennweiten 38 - 112 bzw. 4K-crop (wiederum x 1,6)   61 - 180 mm abdecken [mit OS neu 1200 € ohne und gebraucht 560 €]
Mit dem Sigma 70-200 mm F2.8 kann ich (bezogen auf das Kleinbild-Vollformat x1,6) die Brennweiten 112 -320 
bzw. 4K-crop (wiederum x 1,6)   180 - 512 mm abdecken. 

Die R7 als Video-Kamera

+ interne Bildstabilisierung zum Freihand filmen
+ lange Aufnahmezeit auf SD-Karte
+ 4K bei 60 fps (und ohne Ton sogar bis zu 120 fps!)
+ Sehr einfaches und selbstverständliches Clean-HDMI-out

Fotografie

Der zweite große Anwendungsbereich ist die Fotografie. Ein wirklich weites Feld. Mit Fotos kann ich relativ einfach eine Stimmung dokumentieren oder erzeugen und einen Hingucker oder eine Veranschaulichung erstellen. Ein Video ist sehr viel aufwendiger. Obwohl mit TikTok da ein ganz neuer Trend und Genre entstanden ist.

Tatsächlich mache ich viele Schnappschüsse und auch bewußte Motivaufnahmen mit dem Smartphone. Smartphone raus – Motiv fokussieren und auslösen – evtl noch am Smartphone bearbeiten und Bild verschicken. Das geht unglaublich schnell und einfach. Dazu habe ich einen eigenen Artikel geschrieben.

Hochwertige Fotos von Landschaften oder Menschen, eine Citytour und Architekturaufnahmen gehen mit den verschiedenen Objektiven und einer Kamera viel individueller und bewusster als mit dem Smartphone. Fotografen schwören dann immer noch auf den größeren Sensor einer Vollformatkamera. Vielleicht ausgenommen bei Tier– oder Sportaufnahmen, wo der Crop-Faktor* der R7 mit APS-C Sensor noch ein Stück mehr Nähe ermöglicht. All das sind zwar nicht meine Hauptanwendung, aber die R7 lockt mich schon auch mal zu einer eigenen Foto-Tour durch die Stadt oder einen Spaziergang mit meinen Enkeln. Und auch wenn ich ein Themen-Motiv brauche, kann ich mit einem guten Objektiv an der Kamera dank der offenen Blende und Freistellung deutlich mehr rausholen.

Bei einer Feier (Gemeindefest, Geburtstag, Taufe und Hochzeit) will ich Menschen und Szenen herausstellen und vielleicht auch einen Verlauf zusammenstellen. Dazu muss ich meistens nah ran aber auch mal weitwinklich einen Überblick darstellen.
Die M50 ist dabei umständlicher manuell zu bedienen und auch generell langsamer. Hier kommt mit der R7 wirklich Freude auf. Die hohe RAW-Auflösung und die vielen Einstellmöglichkeiten mit den Bedienknöpfen machen sie zu einem flexiblen Werkzeug und erlauben mir, mich mit dem Auge am Sucher umzuschauen und Bilder zu machen. Bei tiefen Perspektiven oder überkopf nutze ich das Display. Das ist aber auch bauchhoch meist unauffälliger und lenkt die “Motive” weniger ab.

Die Funktion Raw-Burst erlaubt mir auf Schnappschüsse zu lauern, wo es auf die halbe Sekunde davor ankommt, ein fliegender Sektkorken, Absprung, Überraschungsmoment … Im Bereich Fotografie ist die R7 der M50 weit überlegen.

Als Objektive nutze ich:

Das Sigma 18-35 mm F1.8 DC HSM Art bietet eine sehr offene Blende und kann (bezogen auf das Kleinbild-Vollformat x1,6) die Brennweiten 29 - 56 abdecken. Durch die hohe Auflösung im RAW-Format kann ich auch gut nachträglich den Bildausschnitt anpassen (hereinzoomen). Darum mein Standardobjektiv.
Das Canon 50 mm F1.8 kann (bezogen auf das Kleinbild-Vollformat x1,6) die Brennweite 80 mm abdecken. Es hat einem herrlichen Bokeh (auch sehr gut zum Filmen). Es ist zudem klein und leicht. Darum immer dabei. 
Das Sigma 70-200 mm F2.8 kann (bezogen auf das Kleinbild-Vollformat x1,6) die Brennweiten 112 -320 abdecken. Ich kann aus viel Abstand Gesichter portraitieren und freistellen, ohne zu stören. Leider ist es groß und schwer, aber für Aufnahmen aus der Distanz wunderbar. In den Fotopausen erzeugt es tatsächlich mehr Aufmerksamkeit als ein 50mm und hat schon manches Gespräch angeregt.

Auf dem Wunschzettel stehen weitere Festbrennweiten, weil klein und leicht und mit bezahlbarer Lichtstärke. Derzeit brauche ich sie einfach zu wenig, aber wünschen darf ich ja:  
85mm F1.4 AF von Samyang [470 €] für Portraits aber auch zum Filmen. 

14mm F1.8 DG HSM Art von Sigma [stolze 1500 € ] damit der ganze Kirchturm aufs Bild passt.
[Die preiswertere Alternative ist ein Sigma 10-20mm F3.5 DC HSM 300 €] 

Die R7 als Foto-Kamera

+ individuelle Voreinstellungen/Tastenbelegung (Custom 1-3)
+ 32,5 Megapixel
in RAW und cRAW
+ RAW-Burst und Fokus-Braketing
+ Autofokus mit Motiv Erkennung (Menschen, Tiere, Fahrzeuge)

+ Autofokus mit Motiv-Nachführung
+ Fokus Assistent für manuellen Fokus

Zusammenfassung

Die R7 ist mit 1500 € nicht billig und nicht teuer – sondern genau dazwischen. Vieles konnte und kann ich mit der M50 Mark II (600€) bewältigen, zumal da mehr Budget für die Objektive bleibt.

Aber die R7 verspricht nichts, was sie nicht hält. Ich fühle mich mit ihr wohl. Insbesondere auf einer Foto-Tour und genauso beim Filmen. Die Handhabung finde ich in beiden Fällen sehr gut mit vielfältigen Einstellmöglichkeiten. Und zusammen ist die R7 preiswerter als meine Spiegelreflex (80D) zum Fotografieren und eine Spiegellose (M50) zum Filmen.

*PS. Der Crop-Faktor
ist so eine Sache. Mit dem Objektiv auf der Kamera ist er einfach da und ich gehe damit intuitiv um. Er fällt erst auf, wenn man Objektive und Bildwirkung in Bezug auf die Sensorgröße zwischen Vollformatkamera, APS-C, MFT oder Smartphone vergleichen bzw. beschreiben will.
Der Sensor der Vollformatkamera (= Kleinbildformat) ist 2.0 mal so groß wie eine MFT-Kamera und 1.6 mal so groß wie eine Canon APS-C Kamera. Das ist erstmal nur ein Unterschied und kein generelles Qualitätsmerkmal. 
Das Vollformat kann vom selben Standort aus mit dem gleichen Objektiv mehr Weitwinkel mit mehr Tiefenunschärfe aber weniger Tele. Es bietet auf engen Raum mehr Spielraum für den Überblick oder Kontext, aber auch weniger Nähe auf dem Sportplatz. 
Das ist aber eher etwas für den Hinterkopf, wenn ich einschätzen will, welche Brennweite und Blende ich für eine bestimmte Situation brauche. 
Im Gemeindesaal kann ich mit der Vollformatkamera (z.B. Canon R6) und einem 50mm Objektiv ein Gruppenbild machen. Mit der APS-C Kamera wie der Canon R7 brauche ich dafür ein 35mm Objektiv. Dafür kann ich mit dem 50mm Objektiv an der R7 in derselben Situation Portraits fotografieren und bräuchte dafür ein 80mm an einer R6. Der größere Sensor der R6 sammelt mehr Licht ein. Mit dem Sigma 17-50 mm und maximaler Offenblende F2.8  komme ich bei der Raumbeleuchtung zurecht. Mit der R7 brauche ich dafür das Sigma 18-35 mm F1.8. Es reicht, um diesen Unterschied zu wissen.
Aber wer doch mal wirklich diskutieren möchte, welche Kameraausstattung nun doch besser ist: Die Vollformat R6 ist im beschriebenen Gemeindesaal-Setting größer, schwerer und teurer, aber das Sigma 17-50 mm F2.8 kleiner, leichter und preiswerter. Die R7 mit APS-C ist dagegen kleiner, leichter und preiswerter, dafür ist dann das Sigma 18-35 mm F1.8 größer, schwerer und teurer. Alles klar?

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