Gemeindeleitung – einfach und effizient

In unserer Gemeinde haben wir zwei neue ehrenamtliche Mitarbeitende für die Leitung der Gemeinde – den Kirchenvorstand gefunden und drei erfahrene Kirchenälteste werden aufhören. Das verändert uns. Wie können wir daran wachsen?

Als erstes spüren und teilen wir sehr deutlich den Dank für die Beiträge der Mitarbeitenden, die jetzt “entpflichtet” werden. Entpflichtet – ein etwas umständliches aber schönes Wort dafür, dass die Kirchenältesten Verantwortung übernommen haben und auch wieder abgeben können. Und natürlich freuen wir uns auf die “Neuen” und ihre Bereitschaft Verantwortung zu übernehmen, ihre Ideen und Inspirationen. Unsere erste Aufgabe wird sein, gemeinsam das “Teambuilding” anzugehen und zu fördern.

Sehr bewußt haben wir nicht nach Ersatz gesucht, sondern nach Menschen, die Lust haben unsere Gemeinde und Leitungsarbeit respektvoll wahrzunehmen, aber auch zu hinterfragen und lebendig weiterzuentwickeln. Eine “Körperschaft des öffentlichen Rechts” verleitet sehr dazu, Regelwerke und Traditionen einfach immer wieder zu wiederholen, statt zu vereinfachen und an das Leben anzupassen. Wir brauchen klare Spielregeln und gute Absprachen.

Dafür müssen wir uns selbst, uns untereinander und den Kontext, in dem wir leben, gut verstehen. Das Teambuilding also auf die Bedingungen vor Ort und unsere Ziele ausrichten, die wir erreichen wollen und die Aufgaben, die sich daraus ergeben. Zu den Stichworten »» Innovation und Exnovation habe ich ja schon nachgedacht. Einfache Abläufe und klare Verabredungen müssen gefunden werden. Und das ist gar nicht selbstverständlich oder gar trivial.

Wie entsteht ein Organigramm, dass die diversen Interessen und Gaben in einer Kirchengemeinde abbildet, tragfähig und zukunftsfähig ausgerichtet ist, niemanden überfordert und zugleich der Mamutaufgabe des gesellschaftlichen Paradigmenwechsels gerecht wird?

Jedanfalls nicht am Schreibtisch und auch nicht aus dem Werkzeugkasten einer Unternehmensberatung für non-profit Organisationen. Sie steht auch nicht in der Bibel als fertiges Konzept beschrieben. Aber immerhin finden wir dort den entscheidenden Hinweis auf die Windkraft, den begeisternden Spirit, den heißen Draht nach oben, die Wirksubstanz der Schwarmintelligenz … kurz den Atem Gottes, die Ruach – zumeist übersetzt als “Heiliger Geist”.

Leider dient der Heilige Geist bzw. die Heilige Geistkraft in Kirchenkreisen immer mal wieder als Ausrede, wenn wir uns darunter wegducken und jenen frischen Wind der Veränderung über uns hinwegwehen lassen wollen, statt uns von ihr antreiben zu lassen.
Aber wie setzt man Segel?

Tatsächlich denke ich das Schiff, dass sich Gemeinde nennt, nicht als Ozeandampfer. Tatsächlich gelingt es uns derzeit so gut wie gar nicht, durch geordnete Kooperation unter verschiedenen Kirchtürmen ein gemeinsames Segelschiff zu bilden. Vielleicht bleibt uns nur die Perspektive der Kleinstsegelbote, die ja immerhin Optimist heißen und eine eigene Bootsklasse beschreiben. Sie würden gut zum Individualismus unserer Zeit passen. (Aber leider auch zur pubertären Infantilisierung unserer Gesellschaft.) Ich hänge noch am Bild des Dreimasters, in dem nicht jedes Teammitglied alles können muss und auch Platz für Passagiere und Gäste ist. Aber wahrscheinlich gehöre ich damit zu einer vergehenden Epoche. Und vielleicht lassen sich ja viele kleine Optimisten zu einem Schiffsschwarm synergetisch verbinden.

Aber dann braucht es ein neues Bild von Kirche als Gemeinschaft freier ChristInnen, die sich in und über Parochien hinaus verbinden können, als Netzwerk von Booten.

Ich erkenne folgende Merkmale:

  • Wenn Einheiten nicht mehr starr verbunden sind, werden sie anpassungsfähiger, aber müssen ihre Verbindung bewusster pflegen.
  • Wenn Aufgaben nicht mehr an eine große Körperschaft delegiert werden können, weil weniger Bereitschaft und weniger Geld für Hauptamtliche vorhanden ist, müssen Aufgaben weniger und Abläufe einfacher werden. Und vielleicht sind kleine Schiffsverbände nicht nur anfassungsfähiger und beweglicher, sondern auch energieeffizienter als große Kreuzfahrtschiffe.
  • Wenn zugleich die Verwaltungsaufgaben zunehmen, müssen sie schlank und effizient bearbeitet werden und eine Kosten-Nutzen-Bilanz bestehen. Weil dafür mitlerweile digitale Werkzeuge verfügbar sind, sollen wir sie menschenfreundlich – aber auch wirksam – nutzen.
  • Wenn sich immer mehr Menschen ins Private zurückziehen oder radikalisieren, brauchen wir umso dringender Menschen mit der Leidenschaft für Weg-Genossenschaft und die Gabe des Netzwerkens.
  • Wenn das Bild des Netzwerkes genug Raum für Individuen läßt, die sich organisch verbinden können, wenn Optimisten-Boote zu klein und Dreimaster zu groß gedacht sind, braucht es Strukturen, welche die Schwarmintelligenz fördern.
  • Wenn wir Kirche Jesu Christi sind, dann brauchen wir eine theologische Reflektion und Inspiration, wie man Boote verbindet, Segel näht und für die Ruach Gottes hisst. Und weil das am Ende den entscheidenden Unterschied macht zu einem Kulturverein, einer humanistischen Intressensvertretung, politischen Institution oder vielen anderen Möglichkeiten, einen gesellschaftlichen Zusammenhalt zu organisieren, muss diese Überlegung an den Anfang gerückt werden.
  • Wenn wir daraus keine weitere konfessionelle, dogmatische oder soziokulturelle Normendebatte machen wollen, braucht es Menschen, die sich darin üben, eine eigene spirituelle Identität zu entwickeln und die biblische Tradition weiterführen.
  • Eine dialogische Komunikation des Evangeliums in der Tradition der Amsterdamer Schule wird uns dabei helfen.
  • Eine ergebnisoffene Analyse der Situation vor Ort ohne einen pfarrerInnenzentrierten Reflex und parochiale Verteilungskämpfe werden uns helfen.
  • Eine verläßliche Kommunikationsstruktur und Verwaltungskompetenz wird uns helfen.
  • Menschen, die Leitung als zielorientierte Entwicklung von Kommunikationsstrukturen begreifen, werden uns helfen.
  • Teambuilding innerhalb des Kirchenvorstandes und zwischen den Mitarbeitenden wird uns helfen.
  • Fortbildungen und Workshops in Kooperation mit Nachbargemeinden könnten inspirieren und helfen.
  • Gottes Segen, der Abraham und Sarah, Moses und Miriam, Maria und Joseph, dich und mich in die Zukunft ruft, wird helfen.

Und was heißt das nun konkret und für Lieme?
Let’s talk about oder lippisch ausgedrückt: “Dat mött´t wüi parfoß bekürn un ausklamüsern.”(*).

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