Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit in der Kirchengemeinde

Kommunikation ist ein dynamische Prozess. Im rasanten Tempo verändert sich nicht nur die technische Entwicklung, sondern die Kommunikation selbst. Das betrifft uns auch als Kirche und unsere Öffentlichkeitsarbeit.

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Früher

Ich gehöre zu der Generation, die als Kind gelernt hat, den Hörer auf die Gabel zu legen, zwischen einem Orts- und einem Ferngespräch zu unterscheiden, und dass faxen nicht von Kindern und nur in schwarzweiß ist.

Im Gottesdienst gab es die Abkündigung, was auch die Ankündigung von Veranstaltungen und wichtigen Ereignissen meinte. Berichte im Gemeindebrief beschrieben Höhepunkte des Sozialraums Kirche, geschrieben von einem Gemeindemitglied oder dem Pfarrer und manchmal auch der Sekretärin. (Die Rollenaufteilung änderte sich erst langsam.) Der Rückkanal war die Telefonnummer vom Pfarrer und ein Anrufbeantworter.

Es gab auch damals schon SocialMedia: Beim Bäcker und Friseur, am Gemeindenachmittag und Sonntags unterm Kirchturm. Und natürlich gab es Postkarten.

Und dann …

zog der PC ins Gemeindebüro ein. Für die Abkündigungen gab es eine standardisierte Textvorlage und für den Gemeindebrief desktoppublishing, statt Schere und Klebestift. Am Inhalt änderte das nichts. Die Beiträge schrieb ein Redaktionsteam und der/die Pfarrer*in (endlich auch weiblich). Und es gab eine Webseite. Die war statisch mit einigen Grundinformationen und bunten Bildern. Der Rückkanal war eine Liste von Telefonnummern. Der AB wurde durch eine Handynummer ersetzt und dazu kamen eMailadressen der Pfarrer*in und dem Gemeindebüro.

SocialMedia fand immernoch statt beim Friseur auch am Gemeindenachmittag und am schwarzen Brett vom Supermarkt. Der Bäcker machte zu und im Sonntags-Gottesdienst trafen sich immer weniger. Statt Postkarten schrieben wir nun SMS.

Es ging weiter.

Die Webseiten wurden dynamischer, Fotos häufiger und individueller, aus eMaillisten wurden Newsletter und aus dem Handy ein Smartphone.
Aus dem schwarzen Brett beim Supermarkt wurde ebay und SocialMedia hieß nun Facebook, Twitter, WhatsApp und Instagram. Und fast nebenbei wurde alles ganz anders, selbst wenn es immer noch Postkarten und SMS gibt.

Durch die technischen Veränderungen kamen nicht nur neue Geräte und Kanäle in den alltäglichen Gebrauch. Die Kommunikation selbst veränderte sich.

Wo früher einige Wenige etwas auf Papier veröffentlicht haben, was dann von Vielen gelesen wurde, haben sich heute Netzwerke gebildet, in denen Viele veröffentlichen, was zum großen Teil nur von Wenigen wahrgenommen wird.

SocialMedia findet nicht mehr an wenigen Orten und zu typischen Zeiten statt, sondern überall und ständig. Das führt einerseits zu wunderbaren Möglichkeiten, aber auch zu Reizüberflutung und notwendiger Nichtbeachtung.

Früher floßen die Informationen über einige vertraute „Kanäle“ und wir haben sie uns an einer überschaubaren Anzahl von „Häfen“ abgeholt. Heute strömt ein medialer „Dauerregen“ auf uns ein, in den wir selber Daten einspeisen in Form von Texten, Bildern und Filmen, die wir sammeln, liken, retweeten und selber posten können, zwangsläufig aber auch übersehen oder ignorieren müssen.

Und in der Kirche?

Wir pflegen immer noch Abkündigungen und Gemeindebriefe, vielleicht eine Webseite und Newsletter und freuen uns, wenn die Zeitung unsere Gottesdienste veröffentlicht oder zu besonderen Anlässen eine Redakteurin über uns berichtet.

Privat nehmen wir entweder an aktuellen SocialMediaTrends längst teil oder erlauben uns klösterliche Abstinenz und beides ist ehrenwert.
Aber als Kirche und Kirchengemeinden brauchen wir ein gemeinsames Konzept. Doch welches? Von allem etwas oder nur das Vertraute, alles radikal neu oder nur eines richtig? Bedienen wir nur noch Stammkunden oder ringen wir um die knappe Aufmerksamkeit breiter Zielgruppen?

[Die Antwort sollte keine Geschmackssache Weniger sein oder der Leidenschaft Einzelner überlassen werden. Weder möchte ich aus der berechtigten Sorge vor den Veränderungen erstarren, noch blindlings jedem Trend hinterherlaufen. Aber was bedeutet das konkret dafür, wie wir unsere Öffentlichkeitsarbeit gestalten?]

Ausprobieren hilft

Mit meinen Kommunikationsgewohnheiten gehöre ich zur Generation der Großeltern (und bin es auch schon leibhaftig 🙂 .) Ich musste erst durch Anteilnahme selbst erleben, wie sich Kommunikation durch Smartphone und SocialMedia tatsächlich schon bei Jugendlichen und Eltern verändert hat. Unser SocialMedia-Pfarrer hat mir (langsam) die Augen, Ohren und das Herz geöffnet und geholfen, Eindrücke von digitaler Kirche zu sammeln: Gestreamte Gottesdienste und #twomplet, @theresaliebt und @nerdgemeinde, die Arbeit an einem theologischen WebBlog (theoloog.de) sowie Gehversuche bei Twitter (@DerTheoloog) haben mir ein Gefühl für die Herausforderungen und den Segen einer kirchlichen Öffentlichkeitsarbeit vermittelt, die in der digitalen Welt vorkommt und wahrnehmbar ist.

Ein Konzept

Diese Eindrücke und Erfahrungen sind in ein Konzeptvorschlag eingeflossen, den ich mit meiner Kirchengemeinde diskutiere, anpasse und erprobe.

Im Zentrum steht die evangelische Grundüberzeugung, dass Christus die Kommunikation des Evangeliums nicht nur den Profis, sondern allen anvertraut. Öffentlichkeitsarbeit ist schon ursprünglich Teamwork und Multimedial.

Es geht deshalb für uns als Kirchengemeinde darum Teilgabe und Teilhabe zu organisieren, also vielfältige Möglichkeiten anzubieten und Teamwork zu unterstützen.

1. Wir ermutigen ausdrücklich alle Gemeindmitglieder sich auf je ihre Weise an der Kommunikation des Evangeliums zu beteiligen, danken regelmäßig auf unterschiedlichen Kanälen für dies Engagement und unterstützen sie durch entsprechende Fortbildungsangebote. [ »Es geht auch um Inhalte ]

2. Wir bitten darum, für Gemeindenachrichten gemeinsam einen Messangerdienst zu nutzen. Nach längerem Nachdenken soll das signal sein. Signal ist einfach, kostenlos und läßt sich mit dem Smartphone aber auch am PC datenschutzachtsam nutzen. Insbesondere für den Austausch mit dem Gemeindebüro und Mitarbeitendenkreise und bitte auch für Nachrichten innerhalb von Gruppen wie Chöre, Kinderkirche etc. Das vereinfacht die Kommunikation und stärkt das Gemeinschaftsgefühl. [ » Download signal ]

3. Wir bitten darum, kurze (Bild)-Nachrichten (per signal) oder längere Berichte (auch per eMail), die die ganze Gemeinde interessieren könnten, immer auch ans Gemeindebüro zu schicken oder von geschulten Redakteur*innen direkt auf unserer Gemeindewebseite kirchenecke.de zu veröffentlichen. Die Webseite bildet die Zentrale für Nachrichten und Berichte, für aktuelle Informationen und bei Bedarf zum Recherchieren. Wir verwenden dazu als technischen Rahmen WordPress. [ »Darum WordPress ]

4. Wir posten aus WordPress unter einer festen Auswahl an Stichwörtern (#Hashtags) die Artikel bei Twitter und laden alle Interessierten ein, uns auf Twitter bzw. diesen #Haschtags zu folgen, dort zu kommentieren bzw. zu retweeten. Twitter ermöglicht für SocialMedia-Postings eine vergleichsweise gute Balance zwischen individueller Auswahl von Nachrichten, Menschen und Vernetzung über den Tellerrand hinaus. (Und fördert die Diversität zwischen Zuckerbergen, Alphabet und Amazonen.) [ »Darum Twitter ]

5. Ein Redaktionsteam wählt aus den Veröffentlichungen unser Webseite und unserem Twitteraccount einzelne Beiträge aus für den halbjährlichen Gemeindebrief Eckdaten, der an alle Gemeindeglieder verteilt wird. Dies ermöglicht die Teilhabe auch für diejenigen, die nicht online sind oder sein wollen. Und hier pflegen wir auch die Personalnachrichten, die nicht ins Internet gehören.

[ Ergänzung:
Inzwischen bietet uns die Lippische Landeskirche eine eigene Nextcloud mit dem Messanger NextTalk.
In Lemgo wurde als Teil des Eu-Projektes Smart Country Side (SCS) und in Kooperation mit dem Frauenhofer Institut und dem Mehrgenerationenhaus in Lemgo die Webseite Digital vernetzte Bürger*innen ( https://www.lemgo.app ) eingerichtet und ergänzend dazu die SmartphoneApp DorfFunk. Hier sind wir beteiligt und wollen prüfen, uns verstärkt zu engagieren.
Wir machen die Erfahrung, dass neben unserer eigenen Webseite die Informationen von Google-Business verstärkt wahrgenommen und beachtet werden. Deshalb versuchen wir die Einträge auf Google-Maps zu unserer Kirche zu pflegen. ]

[ Ergänzung 2:
Covid 19 hat uns im März 2020 in vieler Hinsicht herausgefordert. Wir haben flexibel und kreativ reagiert und unser Kommunikationsverhalten verändert. Was wird und sollte davon bleiben? Hier sind einige erste Beobachtungen und Gedanken. ]

Und morgen

haben wir unsere Daten so aufbereitet, dass sie auch bei sprachgesteuerter Bedienung gefunden werden können. Und wir streamen gemeinsam abwechselnde Gottesdienstformate mit den Nachbarkirchen, so dass auch Enkel im Ausland und Senioren in der StadtWG in die Fürbitte posten oder zeitversetzt am Gemeindesein Anteil nehmen können.

Denn Mose nutze Steintafeln, Jesus Berge und Boote, Paulus Briefe, Luther und Calvin Flugblätter, Frau Schlüter Magnetkassetten und … die Geistkraft Gottes wird nicht aufhören neue Medien zu finden.